Verloren in Prag

Anmerkung: Die folgende Kurzgeschichte schrieb ich Ende September 2009, kurz bevor ich mit meinem neuen Projekt Ploync.de begann.

Jörg ist einer der Menschen, welche es in ihrem Leben nie einfach hatten. Groß gewachsen und mit kurz geschorenen blonden Haaren wurde er bei der Vergabe der Optik einfach übersehen. Dementsprechend war die Auswahl des anderen Geschlechts von begrenzter Natur. Vor vielen Jahren hatte er noch Pläne, doch diese sind in der Zwischenzeit in der untersten Schublade seines Bürocontainers verschwunden. Täglich quält er sich immer um dieselbe Zeit aus dem Bett, gibt seiner Angetrauten einen angeekelten Kuss auf die linke Wange und schlüpft widerspenstig in seinen Anzug, welchen er seit Beginn an hast. Sein Leben ist die Hölle und am Liebsten würde er einer der ganz Großen sein. Und wie jeden morgen nimmt er sich vor, dass ab morgen alles anders wird.

Warum auch nicht? Denn schließlich hat Jörg alles Mögliche getan was ihm von Beginn seines irdischen Daseins gepredigt wurde. Er schloss sein Abitur mit guten Noten ab. Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre packte er auch mehr recht als schlecht. Sein Job wirft genügend ab, damit er sich ein Haus leisten konnte und seine Frau kümmert sich um sein erstes Kind, welches voller Stolz sogar ein Sohn ist. Doch irgendwie will sich bei ihm nicht die richtige Lebensfreude einstellen und Jörg weiß, dass dies nur daran liegt, dass er mit Mitte dreißig noch nicht in der Führungsetage seiner Firma sitzt. Dort spielt die wahre Musik, dort gibt es das wahre große Geld zu verdienen, dort werden die Entscheidungen getroffen und dort wird er letztendlich glücklich sein.

Es muss vor ein paar Wochen gewesen sein, an einem dieser Tage an dem Jörg wieder einmal nur Frust auf sein Leben hatte, was letztendlich keine Rolle spielt, da dies fast jeden Tag so ist. Am Abend als er gerade mit seinen Spagettis a la Anne beschäftigt war, offenbarte ihm seine Frau, dass sie einen Ortswechsel benötigt. Gelangweilt blickte Jörg in ihre Richtung und sah in seinen Gedanken das mühsam ersparte Guthaben, welches eigentlich für ein paar neue Winterreifen gedacht war, im sinnlosen Sightseeing und Shopping in einer fremden Stadt verschwinden. Doch er wusste jede Diskussion würde nichts bringen. Am Ende würden sie dort hinfahren, wohin Anne wollte. Sie setzte immer ihren Kopf durch und auch dass nervte ihn gewaltig.

Jörg hatte es geschafft. Aus Ibiza wurde der Gardasee und am Ende einigte man sich auf ein Wochenende in Prag. Und da Jörg seiner Meinung nach ein schwer beschäftigter Mann war, kürzte er das Wochenende auf zwei Tage ein. Dies bedeutete für ihn dass er sich nur zwei Tage um Anne und seinen Sohn kümmern musste und die meiste Zeit davon saßen sie eh im Auto, in seinem Revier. Voller Stolz auf seinen Sieg war er sich gewiss, dass er auch dieses Wochenende meistern würde. Er würde seinen Mann stehen und vor allem zeigen wozu er in der Lage ist. Sein Plan sah ein kurzen Fußtrip durch Prag vor bei dem man möglichst alle Geschäfte mied. Das Hotel lag mitten in der Stadt, schön, edel und teuer, ganz nach seinem Geschmack. um der Welt zu zeigen was er sich alles leisten kann.

……

Es war zum Kotzen. Nichts lief wie geplant. Seit zwei Stunden jammerte seine Frau über Fußschmerzen sobald sie ein Geschäft verließen. Voller Frust schob er den Kinderwagen durch die City und suchte nach einem geeigneten Cafe wo er sich hinsetzen und diesen Horrortrip in Alkohol ertränken konnte. Nach gefühlten zwei weiteren Stunden erblickte er zwei Plätze in einem der unzähligen Straßencafes. Wütend schob er den Kinderwagen neben den Tisch und eröffnete seiner Frau seinen Wunsch nach einer Kleinigkeit zum Essen. Widerborstig nahm Anne Platz und beschwerte sich über diesen unpassenden Ort, denn schließlich befand sich ihr Kind samt Kinderwagen auf einer Straße. Auf einer Straße? Jörg musste sich beherrschen damit ihm nicht gleich der Kragen platzte. Wenn es sich hier um eine Straße handelt, was ist dann die Straße bei ihnen zu Hause in der Einfamiliensiedlung. Eine Autobahn. Außer Menschen und einer Kutsche bewegte sich auf dieser Straße nichts, davon jedoch reichlich. Energisch wies er auf diesen Umstand hin und setzte sich in der festen Absicht diesen Platz für die nächsten Stunden nicht mehr zu verlassen.

Doch Anne gab nicht klein bei. Mit stichelnden Bemerkungen beschwerte sie sich immer wieder über die Cafewahl. Zwei Minuten später war es dann soweit. Seine Stimme gerade noch in angemessener Lautstärke befindlich, verkündete Jörg, dass er auch mit einem anderen Cafe einverstanden sei oder ihren Wunsch zu entsprechen sogar mit dem Hotelzimmer vorlieb nehmen würde. Anne hatte aber keine Lust mehr. Sie wollte sich nicht mehr bewegen, sie wollte nur noch sitzen, aber eben nicht an dieser Stelle. Jörg verzweifelte sichtlich, setzte sich wieder auf seinen Stuhl und stellte eine Frage nach der anderen. Warum sie sich nicht entscheiden kann, was sie eigentlich will und wieso ihr das Cafe nicht passt. Anne schwieg, verschränkte ihre Arme und bemerkte nur, dass sie dann eben sitzen bliebe und jetzt gerne etwas essen möchte.

Zum Glück befand sich zu diesem Zeitpunkt ein Kellner in der Nähe, welcher neben der Aushändigung der Karten auch den für Jörg so notwendigen Cocktail als Bestellung aufnahm. Nachdem er einen Blick in die Karte geworfen hatte, wusste er, dass er hier nichts essen könnte, wenn er sich den Satz Winterreifen nicht komplett abschminken wollte. Und diese wollte er definitiv nicht. Mit einer fluchenden Bemerkung über die preislichen Vorstellungen des Cafes, legte er fest, dass man im Hotel essen und hier nur einen kleinen Drink zu sich nehmen würde. Anne schwieg, lies ihre Arme verschränkt und bemerkte, dass sie dann eben ein Glas Orangensaft nehme.

Es dauerte nicht lange, als der Kellner die Bestellung von Jörg brachte. Jörg nahm einen Schluck von dem Cocktail zu sich und plötzlich hatte er einen Plan. Ein Plan welcher ihm und seinen Winterreifen das Leben retten würde. Er nippte noch einmal kurz an dem Getränk, dann erhob er sich und schritt mit überzeugenden Schritten auf den Kellner zu. Gestikulierend und mit seinen nahezu fliesenden Englischkenntnissen, erklärte er diesem, dass der Alkoholgehalt des Cocktails unter aller Sau wäre. Er forderte einen neuen Cocktail mit mehr Alkohol, welche auch kurze Zeit darauf gebracht wurde. Auch von diesem nahm er einen kleinen Schluck, erhob sich erneut und beschwerte sich wiederum über das Getränk. Der Kellner hob nur die Schultern und wusste nicht so richtig, was er dazu sagen sollte. Um der misslichen Lage zu entkommen organisierte er seinen Vorgesetzten, welcher sich mit diesem Patienten auseinandersetzen konnte.

Jörg befand sich in Rage. Wütend dass ihm niemand hier verstehen wollte und dies obwohl er sehr gut Englisch sprach. In einer Stadt wie Prag konnte man schließlich erwarten, dass die Menschen sich zumindest auf Englisch mit einem unterhalten können. Schließlich verlangte er doch nicht gute Deutschkenntnisse. Mit beiden Händen erklärte er dem Vorgesetzten, dass der alkoholische Cocktail alles andere ist, eben nur kein alkoholischer Cocktail. Doch auch der Oberkellner hatte keine Lösung für das Problem. Jörg verzweifelte sichtlich. Waren die denn alle hier begriffsstutzig? Schließlich wollte er nur nicht bezahlen. Wütend schnauzte er den Kellner an und verlangte nach einer Person, welche ihm verstand und bei dem er sich beschweren konnte. Der Oberkellner zückte eine Visitenkarte und erklärte mit wenigen Worten, dass er gerne eine Mail verfassen könnte, da sich heute niemand mehr mit diesem Problem befassen kann.

Seinen letzten Trumpf sah Jörg in der Erfragung des Namens des Kellners. Aus seinen Erfahrungen wusste er, dass die meisten Menschen dann anfangen würden zu kuschen und vielleicht würde dies ihm helfen seinen Plan doch noch in die Realität umzusetzen. Doch es half nichts. Der Kellner entschuldigte sich noch einmal und kassierte anschließend den Cocktail und einen Orangensaft ab. Erbost über diese Reaktion schnappte sich Jörg den Kinderwagen, forderte seine Frau auf, dass sie sich erheben solle und verlies das Cafe in Richtung Hotel. Auf dem Weg dahin schwor er sich, dass ab morgen alles anders wird.

Veröffentlicht von

Ronny Siegel

Noch habe ich hier nichts über mich geschrieben, weil so vieles schon auf diesem Blog steht. ;) Diese Bücher habe ich gerade gelesen: Die Tribute von Panem (komplett) Das Schloss Das Parfüm Der Schwarm Der Process Die Kanguruh-Chroniken Das Lied von Eis und Feuer Diese Filme habe ich mir angesehen: Diese Serien habe ich gesehen:

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