Scool Shooting – Gewalt und Killerspiel, oder der Versuch einen Amoklauf vorauszusagen

Stefan Schumacher ist Psychologe und nach eigenen Aussagen die ideale Figur eines Amokläufers, wenn es nach den gängigen Vorstellungen vieler Politiker geht. Er spielt gerne Computerspiele und hat in früheren Jahren vor allem die Spiele gespielt, die man heute als „Killerspiele“ bezeichnet. Er hört Heavymetal und läuft gerne mal in einer mit Nieten bestückten Lederjacke durch die Stadt. Wenn er all diese Bedingungen erfüllt, wieso ist er dann eigentlich niemals Amok gelaufen? Oder wie er selber fragt „Wenn Killerspiele so böse sind, wieso gibt es dann so wenig Amokläufe?“

60 bis 70 Prozent der Amokläufer überleben einen Amoklauf

Wenn es in naher Zukunft wieder einmal einen Amoklauf an einer deutschen Schule geben wird, dann werden sich Politiker, Medienwissenschaftler und vor allem die Eltern der Betroffenen die Frage stellen, wie konnte dies nur geschehen. Statistisch gesehen gibt es aller sechs bis sieben Jahre einen Amoklauf an einer deutschen Schule mit Todesopfern. Zu mindest wenn man sich die Statistiken der letzten 100 Jahre etwas genauer ansieht. 60 bis 70 Prozent der Amokläufer überleben einen Amoklauf. Der geringste Teil der Amokläufer tötet sich somit selber. Diese Überlebenden können einen Hinweis darauf geben, wie es zu dem Amoklauf kam. Ansonsten tappt man im Dunkeln, wie Stefan Schumacher weiß.

Beim Paintball versteck ich mich hinter einem Busch, im Kampfeinsatz hinter einem Felsen

Stefan Schumacher kennt sich mit der Materie aus. Seit 18 Jahren forscht er bereits nach Zusammenhängen und fand bisher eins mit Sicherheit heraus. „Es gibt keinen „einen“ Grund für einen Amoklauf“. Jeder Amoklauf läuft anders ab und besitzt andere Ursachen. Dabei liegt die Betonung immer wieder auf Ursachen. Denn diese können beliebiger nicht sein. In seinem Vortrag bei der Veranstaltung „Datenspuren“ in Dresden beleuchtete er diese Ursachen etwas genauer und brachte anhand amüsierender Aussagen, leichtverständliche Beispiele. Wie zum Beispiel die Aussage von einem alten Freund von ihm, der mit ihm gemeinsam bei der Bundeswehr diente.

„Wenn ich mit meinen Freunden Paintball spiele, verstecke ich mich immer hinter einem Busch. Im Kampfeinsatz wäre dies unvorstellbar, denn ein Busch hält vielleicht eine Farbkugel, aber keine Gewehrkugel auf“ Diese Aussage zeigt eins bereits sehr klar: wer immer nur am Computer schießen übt, kann deswegen noch lange nicht mit echten Waffen auf echte Menschen schießen. Stefan Schumacher weiß von was er spricht. In seinen knapp zwei Jahren bei der Bundeswehr durfte er mit jeder erdenklichen scharfen Munition schießen. Er bildete Soldaten am Gewehr aus und lernte dabei „Der wahrscheinlichst gefährlichste Job der Welt ist der Job eines Ausbilders, der andere Menschen an einer Waffe ausbildet“ Wie oft er sich bei dieser Ausbildung um seine Gesundheit sorgte, konnte Stefan Schumacher irgendwann nicht mehr zählen.

Wer nicht Schießen kann, kann auch nicht Treffen

Doch neben diesen Gefahren fielen ihm noch zwei weitere wichtige Punkte auf. Einerseits stellte er fest, nicht jeder Mensch der schießen kann, kann auch treffen. Und nicht jeder Mensch kann aufgrund seiner anatomischen Eigenschaften mit jeder Waffe schießen. Amokläufer müssen somit, mit der Waffe mit der sie einen Amoklauf verüben, vorab schon einmal dieser Waffe geübt haben. Dies erklärt auch, warum die meisten jüngsten Amokläufer in einem Schützenverein Mitglied waren. Was aber nicht gleichzeitig beweist, Schützenvereine bilden Amokläufer aus. Die Ursachen für einen Amoklauf zu erkennen, sind unmöglich. Nach einem Amoklauf fällt dieses um einiges leichter. Und deswegen kann man auch schnell mal mit dem Zeigefinger auf scheinbar offensichtliche Auslöser zeigen. Daraus zu schließen, dies sind die Ursachen, ist jedoch äußerst gefährlich.

Computerspieler denen das Spiel verboten wurde, neigten zur Gewalt

Noch ein weiteres Beispiel, welches in dem Film „Super Size me“ gezeigt wurde. An einer Schule für schwererziehbare Jugendliche begann man damit die Schulspeisung umzustellen. Statt Fertiggerichte wurde das Essen frisch zubereitet. Die Zutaten hierzu stammten nicht aus der Dose, sondern waren ebenfalls frisch oder aus dem Frost. Als Auswirkung dieser Tätigkeit sank das Gewaltpotential der Schüler. Ist somit ungesundes Essen für einen Amoklauf verantwortlich? Auch an diesem Beispiel wird deutlich, die Auslöser für einen Amoklauf können verschiedener nicht sein. Bei Experimenten, bei denen man Computerspieler aus deren Computerspiel heraus riss, in dem man einfach den Stecker zog, erhöhte sich bei den meisten Spielern schlagartig das Aggressionspotential. Aus diesen Ergebnissen könnte man schlussfolgern, dass Abschalten von Computern während man Killerspiele spielt, sorgt für Amokläufe. Könnte man somit einen Stromanbieter nach einen Stromausfall für einen anschließenden Amoklauf zur Rechenschaft ziehen?

Das Gewaltpotential eines Menschen ist ungleich zur Aktion „Gewalt auszuüben“. Selbst friedliche Menschen können gewalttätig werden, während gewaltbereite Menschen friedlich leben können. Aggression ist eine Triebfeder des Menschen, mit der jeder Mensch lernen muss umzugehen. Wie man diese abbaut, dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Einen toben sich am Sandsack, die Anderen an einem Killerspiel aus. Und überhaupt ist der Begriff des Killerspiels wissenschaftlicher Unfug, wie Stefan Schumacher erörterte. Kein Wissenschaftler würde diesen Begriff verwenden, außer man möchte diesen Begriff wissenschaftlich auseinander nehmen.

Einen Amoklauf voraussagen gleicht dem Blick in die Glaskugel

Einen Amoklauf kann man nicht voraussagen. Die Ursachen dafür sind so unterschiedlich wie die Menschen. Bei dem einen Amokläufer scheinen es Alkoholprobleme, bei dem anderen Probleme mit Medikamenten zu sein. Beim Nächsten scheint es die Heavy Metal Musik zu sein, welcher er die ganze Zeit hörte. Ein Anderer saß nächtelang vor dem Computer. Soziale und familiäre Probleme können ebenfalls Auslöser von Amokläufen sein. Oder gesundheitliche, wie die Schädigung des präfrontalen Cortex, einem Bereich des Gehirns. Hier fanden Wissenschaftler heraus, ist dieser Bereich geschädigt, führt dies zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft. Doch wie bereits erwähnt, bedeutet dies nicht, dass man dadurch automatisch auch zum Amokläufer wird.

Mit den Ursachen eines Amoklaufs ist es wie mit der Messung der Intelligenz. Denn Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst. Und die Ursachen eines Amoklaufs sind, was einen Amokläufer Amok laufen ließ. Nicht mehr und nicht weniger.

Veröffentlicht von

Ronny Siegel

Noch habe ich hier nichts über mich geschrieben, weil so vieles schon auf diesem Blog steht. ;) Diese Bücher habe ich gerade gelesen: Die Tribute von Panem (komplett) Das Schloss Das Parfüm Der Schwarm Der Process Die Kanguruh-Chroniken Das Lied von Eis und Feuer Diese Filme habe ich mir angesehen: Diese Serien habe ich gesehen:

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