Reimar Gilsenbach – Der letzte echte Anarchist aus Deutschland?

Als Reimar Gilsenbach am 16. September 1925 das Licht der Welt erblickte, konnten die Zeichen für ihn nicht schlechter und besser stehen. Geboren zwischen zwei Wirtschaftskrisen, die Deutschland innerhalb von zehn Jahren heim suchen sollten, erfuhr er in den ersten Jahren seines Lebens, was es bedeutet in einer Siedlung zu leben die nach Alternativen suchte und die Freiwirtschaftsideen von Silvio Gesell ausprobierte. In seiner Biographie berichtet er über sein Leben und offenbart ganz nebenbei Zustände aus der Vergangenheit, die einem auch heute noch den Atem verschlagen.

Mit Beginn der Nazidiktatur begann für die Familie von Reimar eine der gefährlichsten und härtesten Zeiten. Als überzeugte Kommunisten, mit der Vision von einer besseren Welt, mussten beide Elternteile um ihr Leben fürchten. Reimar wuchs unterdessen bei Pflegeeltern in der Nähe von Dresden auf. In der Woche eingepfercht in einem Dresdner Internat, erlebte er die Gleichschaltungsideologie der Nazis bei seinen Lehrern. Seine Lieblingslehrer waren diejenigen, die nicht die Parolen der Nazis nachbrüllten. Ausgestattet mit grundrebellischen Zügen, übte sich Reimar in dieser Zeit im eigenen Widerstand. Aufgrund von Gedichten, die er in dieser Zeit schrieb, erfuhr er erstmalig was es bedeutete, sich gegen eine Diktatur zu widersetzen. Der Kopf wurde ihm beim HJ-Gericht in Dresden gründlich gewaschen. Überglücklich darüber, härteren Strafen entkommen zu sein, fasste er anschließend einen Plan, wie er diesem Wahnsinn entrinnen könnte.

Als junger Soldat an der Front, rückte die Erfüllung dieses Plans immer mehr in die Nähe. Sein Ziel, zu den Sowjets zu desertieren. Bis dahin übte er sich im professionellen Danebenschießen. Das gezielte Töten von Menschen vermied er, wo er nur konnte. Seine Berichte von der Front und der Umgang mit der sowjetischen Bevölkerung durch die deutsche Armee zeigen die barbarischen Methoden die in einem Krieg zwischen Menschen stattfinden. Nicht besser erging es ihm in den sowjetischen Gefangenenlagern. In der Hoffnung, Hitler auf der Seite der Sowjets bekämpfen zu können, ließ er sich während eines Gefechts gefangen nehmen. Doch bis auf einen kurzen Einsatz, verbrachte er die nächsten drei Jahre hinter sowjetischem Stacheldraht. Hier erfuhr er, was Hunger, Krankheit und Tod bedeuteten. Hier erlebte er die Entartung seiner Art im Kampf um das nackte Überleben.

Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft kehrte Reimar Gilsenbach zurück nach Dresden. Er wollte dabei mithelfen einen neuen, besseren Staat aufzubauen und fand eine Stadt in Trümmern vor. Hitlers tausendjähriges Reich war in Schutt und Asche zerfallen. Als Redakteur begann er damit, erste Berichte über das Leben in der sowjetischen Besatzungszone zu verfassen. Er sprach mit Arbeitern und erfuhr sehr schnell, in welche Richtung sich der neue Staat bewegen sollte. Nur hatte dieser Staat nichts mehr gemein mit den Visionen seiner kommunistisch eingestellten Freunde aus der Vergangenheit. Schnell erahnte Reimar Gilsenbach, der Unterschied zwischen dem alten und dem neuem System schien nicht sehr groß zu sein. Zu schnell hörte er wieder Parolen, die er in leicht abgewandelter Form bereits zehn Jahre zuvor vernahm. Und spätestens als er sich bei einem Verhör der Stasi wiederfand, entsann er sich seines unfreiwilligen Besuches beim HJ-Gericht. Die Parallelen waren zu eindeutig.

Fortan berichtet Reimar Gilsenbach in seinem Buch „Wer im Gleichschritt marschiert, geht in die falsche Richtung“, über seinen Widerstand in der DDR. Seinen Versuchen, den Umweltschutz der Bevölkerung der DDR näher zu bringen, die inmitten verseuchter Gebiete lebte. Seinen Kampf mit der Stasi und wie er dieser immer wieder ein Schnippchen schlug. Seinen Freunden Wolf Biermann und Robert Havemann, mit denen er schwierige Zeiten durchlebte. Seiner Euphorie, die er verspürte als die DDR zusammen brechen sollte und zusammen brach. Seinen Begegnungen mit Menschen, die nach Antworten suchten. Und seinem Leben als wahrscheinlich letzter echter Anarchist in der DDR.

Auch wenn viele Reimar Gilsenbach nicht kennen, ist seine Biographie lesenswerter als vieles, was derzeit der Markt hergibt. Selbstkritisch und immer mit einem verschmitzten Unterton, berichtet er über seine Erlebnisse. Er nimmt, wie bereits zu Lebzeiten, kein Blatt vor den Mund und rechnet mit beiden Diktaturen, die sich im letzten Jahrhundert auf deutschen Boden etablieren konnten, schonungslos ab.

Reimar Gilsenbach starb 2001, kurz nach dem Auslöser für den zweiten Irakkrieg. Auch nach dem Zusammenbruch der DDR fand er passende Worte, die sich heute immer deutlicher bewahrheiten. In den letzten zehn Jahren seiner vermeintlichen Freiheit äußerte er einmal: „Kapitalismus ist nicht ohne rücksichtsloses Wachstum und uneingeschränkten Konsum zu haben“ und blickte dabei auf die Zerstörung der Umwelt. Zum Schluss mahnte er noch an, wenn es der Menschheit nicht gelingt, im Einklang mit der Natur zu leben, wird sie sich selber vernichten. Inwieweit er mit diesen Worten Recht behalten soll, wird die Zukunft zeigen.

Veröffentlicht von

Ronny Siegel

Noch habe ich hier nichts über mich geschrieben, weil so vieles schon auf diesem Blog steht. ;) Diese Bücher habe ich gerade gelesen: Die Tribute von Panem (komplett) Das Schloss Das Parfüm Der Schwarm Der Process Die Kanguruh-Chroniken Das Lied von Eis und Feuer Diese Filme habe ich mir angesehen: Diese Serien habe ich gesehen:

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