Poly Play, der einzige Arcade Automat aus der DDR – Erlebnisbericht

Jawohl es gab ihn, einen Videospielautomat in der DDR. Und ja, dieser Arcade Automat übte eine gewisse Faszination auf die damaligen Kinder und Jugendlichen aus. Verwundern sollte dies niemanden, auch wenn Erich Honecker dieser Entwicklung ablehnend gegenüber stand. Schließlich sollten die teuer produzierten Computerchips in der Volkswirtschaft zum Einsatz kommen oder als Devisenbeschaffer dienen. Dass es trotzdem dazu kam einen Videospielautomaten für die DDR zu produzieren, ist der cleveren Argumentation junger Menschen zu verdanken. Diese erklärten dem damaligen Staatsratvorsitzenden, über Spiele könnte man junge Menschen an das Thema der Programmierung heranführen und dadurch zukünftig qualifizierte Programmierer erhalten. Diese Argumente überzeugten und sorgten letztendlich dafür, dass ich 1988 erstmalig vor einem Poly Play stand.

Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Die zwei Arcade Automaten „Poly Play“, die damals in unserem FDGB Ferienheim standen, waren der Tagesmagnet für alle fünf bis achtzehn Jährigen. Ich glaube, wir haben uns in diesem Urlaub mehr an den Videospielautomaten aufgehalten, als im Ferienzimmer. Der Andrang war unglaublich und natürlich musste man als Kind alles an dem Arcade Automaten ausprobieren, was es auszuprobieren gab. Zum Teil kam es zu heftigen Streitgesprächen wer denn der Nächste sei, der an den Automaten spielen dürfte. Sobald jedoch ein Spiel gestartet wurde, herrschte Frieden und stattdessen versuchte man mit „wohlgemeinten“ Kommentaren die Geschicke des Spielers zu verbessern. Alle Kinder und Jugendliche waren süchtig nach diesen Arcade Automaten.

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Die Bedienungsanleitung für den Poly Play Arcade Spielautomat – Ein Spiel kostete 50 Pfennig

Da der Spielpreis bei 50 Pfennig lag, wurde dementsprechend auch immer die Rezeption des Ferienheims gestürmt, wenn das Kleingeld sich dem Ende neigte. Bereits nach wenigen Tagen waren die 50 Pfennigstücke Mangelware. Glücklich konnten sich dann diejenigen schätzen, die zuvor das Kleingeld gebunkert hatten. Ich kann mich nur noch an einen Augenblick erinnern, an dem einer der beiden Videospielautomaten nicht besetzt war. Ansonsten lagerte um die beiden Poly Play Arcade Automaten immer eine Traube von Kindern und Jugendlichen. Damit wir unsere Eltern nicht finanziell ruinierten und vor allem damit wir endlich Ruhe gaben, wurde uns täglich ein Spielkontingent zugeteilt. Jeder von uns vier Kindern erhielt täglich 50 Pfennig oder eine Mark um ein bis zwei Spiele absolvieren zu dürfen. Voller Neide schauten wir dann natürlich auf die Kinder, die bereits einen Kleinmünzstapel auf den Arcade Automaten platziert hatten und damit signalisierten, die nächsten Stunden sei dieser Automat belegt.


Die ostdeutsche Antwort auf Pac Man – Hase und Wolf
Irgendwann fand dann einer der Jugendliche heraus, wie man die Automaten manipulieren konnte. Ich glaube, dazu verwendeten wir eine Büroklammer. Mit dieser Büroklammer konnten wir irgendwie die 50 Pfennig Stücke aus dem Automaten ziehen, nachdem das Spiel bereits gestartet war. Wie dies richtig funktionierte, weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass irgendwann einer der beiden Poly Play Arcade Automaten ausgeschalten werden musste, da er einen technischen Defekt aufwies. Und dass man mich bei einer dieser Aktionen erwischte und es zu einer Aussprache an der Rezeption mit meinem Vater kam (man, war mir das peinlich). Ich weiß auch noch, die beiden Lieblingsspiele von mir waren „Hase und Wolf“, die ostdeutsche Antwort auf Pacman und die „Schießbude“,, welches man gut mit Space Invadors vergleichen kann. Die Mädchen standen aber im Allgemeinen auf die Schmetterlingsjagd und natürlich mochten die meisten Jungs das Autorennspiel.


Das Lieblingsspiel der Mädchen – Schmetterlinge fangen mit dem Maulwurf
Vor kurzem wurde mir noch verraten, bei dem FDGB Ferienheim handelte es sich um eines der wenigen Ferienheime der besten Kategorie. Dies erklärt wahrscheinlich auch, warum es in diesem Ferienheim eine Rezeption gab und die Automaten in diesem aufgestellt wurden. Laut verschiedenen Quellen sollen in der DDR zwischen 1.000 und 2.000 Poly Play Videospielautomaten hergestellt wurden sein und ein Teil davon wanderte sogar in die benachbarten Ostblockländer.


Arcadeballerei bei Schießbude – Ein Space Invaders Klone
Interessant sind auch noch die damaligen Preise, die man für ein solches Luxusferienheim in der DDR bezahlte. Für einen Erwachsenen kostete der 14tägige Aufenthalt 105,- DDR-Mark. Kinder und Jugendliche bezahlten je nach Alter zwischen 30,- und 35,- DDR Mark. Als Gegenleistung erhielt man neben den 14 Tagen Erholung auch noch eine Vollverpflegung. Unsere fünfköpfige Familie musste somit 320,- DDR Mark für den Aufenthalt hinlegen. Mein Vater berichtete mir auch noch, sein damaliger Verdienst lag bei 800,- DDR Mark im Monat. Davon gingen 170,50 Mark für die Miete der 114 Quadratmeter großen Wohnung ab. Natürlich war dies bereits die Warmmiete mit allen Nebenkosten.

Wer das Spielfeeling der Poly Play Arcade Automaten heute noch einmal erleben möchte, sollte dem Computerspielmuseum in Berlin einen Besuch abstatten. Vorab kann man auf der Webseite polyplay.de die Spiele im Webbrowser üben. Allerdings ist dies nicht mit der echten Steuerung zu vergleichen, da diese teilweise sehr schwerfällig reagierte.

Quellen: Wikipedia: Poly Play, polyplay.de, Computerspielmuseum

Veröffentlicht von

Ronny Siegel

Noch habe ich hier nichts über mich geschrieben, weil so vieles schon auf diesem Blog steht. ;) Diese Bücher habe ich gerade gelesen: Die Tribute von Panem (komplett) Das Schloss Das Parfüm Der Schwarm Der Process Die Kanguruh-Chroniken Das Lied von Eis und Feuer Diese Filme habe ich mir angesehen: Diese Serien habe ich gesehen:

3 Gedanken zu „Poly Play, der einzige Arcade Automat aus der DDR – Erlebnisbericht“

  1. ein funktionierender Automat steht im Club “OstPol” auf der Königsbrücker Straße in Dresden.

    Da kann man zum spielen also auch noch ein Bierchen zischen. 🙂

    Hatte mich sehr gefreut vor ein paar Monaten dort so ein altes Teil zu entdecken.

    Viel Spaß

  2. Dies war ein Kernproblem in der DDR.

    Gestern erzählte mit jemand, viele Bürger haben in der DDR ihre Häuser an den Staat verschenkt, da sie diese aufgrund der geringen Mieten nicht mehr unterhalten konnten. Letztendlich war die Mietbindung eine Form der Zwangsenteignung.

    Allerdings gibt es auch heute abgewandelte Formen davon. Zum Beispiel, wie bei uns vor kurzem geschehen, wenn die Stadt eine Straße saniert und die Kosten auf die Anwohner abwälzt. Können diese Kosten nicht beglichen werden, ist der Verkauf des Objektes vorprogrammiert.

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