Das Ölgemälde

Anmerkung: Die folgende Kurzgeschichte schrieb ich im Juli 2005.

Mir sitzt der Schock immer noch in den Gliedern. Vor ungefähr einer Stunde, schlenderte ich genüsslich durch die Stadt und betrachtete mir die Schaufenster. An einem Antiquariat blieb ich jedoch schockiert stehend. Eine junge Frau auf einem in Ölfarben gemalten Bild, blickte mich an. Ich kannte diese Frau, obwohl sie schon seit langer Zeit nicht mehr unter uns weilte. Das Bild gehörte einmal einen sehr guten Freund von mir.

Es war, so glaub ich mich zu erinnern, eine ziemlich kalte Jahreszeit und Enrico lud uns alle zu seiner Einweihungsparty in seiner neuen Wohnung ein, welche er zusammen mit Julia bezog. An diesem Tag war die Wohnung gerammelt voll. Julia organisierte in der Küche das Buffet wieder einmal meisterhaft. Enrico führte uns einem nach dem Anderen durch die neue Wohnung und wir staunten über das Bad mit Whirlpool und die große Dachterrasse. Nur leider lud uns das Wetter nicht zu einem weiteren Aufenthalt auf dieser ein, so das wir die Feier in der Wohnung verbringen mussten.

An diesem Tag brachten wir natürlich auch alle diverse Geschenke mit. Ich kann mich noch gut erinnern, dass er bei meinem Kaktus ziemlich grienen musste. Kakteen sind seit längerem eine Anspielung auf unsere gemeinsamen Erlebnisse aus der Vergangenheit. Und immer wenn es einen Anlass für ein Geschenk gab, bekam ich von ihm oder er von mir ein Kaktus geschenkt. Dadurch brachten wir es in der Zwischenzeit schon auf eine beachtliche Sammlung und wir entwickelten uns allmählich zu Experten im Umgang mit diesen stachligen und eigenartigen Gebilden.

Torsten und Claudia, ließen sich was ganz Besonderes für die Beiden einfallen. Ein Wandbild sollte das neue Schmuckstück der Wohnstube sein. Eine junge schwarzhaarige Frau mit südländischen Akzent, präsentierte sich auf diesen Bild. Wir rätselten alle, wer diese junge Frau sein konnte. Doch auch Claudia hatte keine weiteren Informationen für uns und das obwohl sie redaktionell tätig war und somit über eine sehr gute Allgemeinbildung verfügte. Sie erwähnte nur etwas vom 16. Jahrhundert und das sie es bei einem Trödelhändler erwarb, welcher ihr jedoch auch zum Bild nichts sagen konnte. Und gerade aufgrund dieser fehlenden Informationen, zog uns das Bild in seinen Bann. Immer wieder blickten die einzelnen Gäste in Richtung des Bildes und es wurde an diesem Abend öfters kurz zum Gesprächsthema.

Circa eine Woche nach der Feier, rief ich bei Enrico an um mich mit ihm für den Abend zu verabreden. Wir kamen kurz ins Gespräch und ich fragte scherzhaft nach, wie lange sie sich von den Essensresten noch ernähren konnten. Auf einmal wurde Enrico ziemlich ernst am anderen Ende der Leitung. Ich überlegte kurz ob mir irgend etwas Falsches über die Lippen entwischen wäre. Mir fiel jedoch nichts ein. Aus diesem Grund fragte ich, was los sei. Und er antwortete mir, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir an diesem Abend nicht weggehen würden, sondern ich zu ihm kommen sollte. Ich stellte keine weiteren Fragen und so begab ich mich Abends zu ihm.

Er empfing mich sehr herzlich und wir gingen zusammen in die Stube. Sofort fiel mir das Bild auf und der Anblick dieser Frau zog mich wieder in den Bann. „Julia fragt mich auch schon ständig, warum ich immer auf das Bild stiere.“ Ich konnte ihn verstehen. Aber wo war eigentlich Julia? „Dienstreise. Kam ziemlich plötzlich. Ist jetzt aber auch egal.“ Wir setzten uns auf die Couch und Enrico schien sofort in Gedanken versunken zu sein. Ich fragte was los sei und er blickte mich an. „Ich weiß nicht. Aber ich glaube mit dem Bild stimmt irgend etwas nicht.“ Wie meinte er das? „Ich weiß nicht ob ich es mir nur einbilde, aber ich habe das Gefühl, dass man mich beobachtet. Ich kann mich bewegen wohin ich will. Immer folgen mir die Augen dieser Frau.“ Ich stand auf und ging zu dem Bild. Ich sah der Frau in die Augen und bewegte mich zur Seite. Tatsächlich hatte man das Gefühl, dass die Augen einen verfolgen würden. „Ist das alles?“, fragte ich. Er nickte.

Zwei Tage später bekam ich von Enrico einen Anruf auf meinem Anrufbeantworter. „Ruf mich mal bitte dringend zurück.“ Ich rief natürlich sofort an, weil ich dachte, dass irgend etwas Schlimmes passiert wäre. Enrico war vollkommen aufgelöst am anderen Ende der Leitung. „Du wirst nicht glauben, was mir heute wiederfahren ist. Ich habe dir doch von meinem unguten Gefühl wegen dem Bild erzählt.“ Ich bejahte und fragte: „Und?“ „Heute morgen als ich aufstand, bewegten sich zwar wieder nur die Augen der Frau, doch das Gesichtsprofil stand in der anderen Richtung. Und auf der Wange der Frau, war eine schrecklich entstellte Narbe zu sehen.“ Ich war sprachlos. „Ich komme vorbei. Das muss ich mir ansehen.“ „Vergiss es.“, sagte Enrico zu mir. „Sie hat sich schon wieder auf die richtige Seite gedreht.“ „Hast du mit Julia schon darüber gesprochen.“ „Ja kurz am Telefon. Sie muss noch eine weitere Woche bleiben und kommt erst nächste Woche nach Hause.“ „Und was willst du in der Zwischenzeit machen?“ „Weiß ich noch nicht.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Abend.

In der Nacht wurde ich nur von Bildern und Narben verfolgt und auch am nächsten Tag, gingen mir die Ereignisse nicht aus dem Kopf. Was hatte es mit dem Bild auf sich. Oder war Enrico einfach etwas überspannt. Mir war zwar klar, dass er sich auch mit mir einen Scherz erlauben konnte. Doch ich kannte ihn ziemlich gut und so aufgelöst hatte ich ihn noch nie erlebt. Ich war froh als der Feierabend endlich erreicht war und ich zu ihm fahren konnte, um mir das Bild noch mal etwas genauer anzusehen.

Als ich bei ihm ankam, hing das Bild jedoch nicht mehr an der Wand. Verdutzt fragte ich, wo es sei. „Ich habe es abgenommen und dort an die Wand gestellt.“ Mit seinen Fingern zeigte er in die Richtung. Dort stand es mit Blickrichtung zur Wand. „Ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich kam mir vor als ob ich überwacht werden würde.“ Ich ging zur Wand und drehte das Bild um. Immer noch war die Frau auf dem Bild und immer noch hatte man den Eindruck, dass sie einen mit den Augen verfolgen würde. Von einer Narbe war nichts zu sehen, da sie das mir bekannte Profil zugewandt hatte. „Im Laufe der Woche, werde ich das Bild wegschaffen. Ich weiß nur noch nicht wohin.“ „Wann kommt Julia zurück?“ „Am Freitag. Bis dahin soll das Ding verschwunden sein.“ „Okay, ich ruf dich am Samstag an.“ Wir verabschiedeten uns und ich begab mich nach Hause.

Ich wurde aus dem Schlaf gerissen, als das Telefon klingelte. Wütend drehte ich mich auf die andere Seite und versuchte es zu ignorieren. Doch der Anrufer blieb hartnäckig. Nach dem dritten Versuch, sprang ich aus dem Bett und schrie in den Hörer ob sie nicht wüssten wie spät es ist. Julia war am andern Ende und entschuldigte sich erst einmal für den Anruf. Ich war von hundert auf null und fragte ob irgend etwas passiert wäre. Sie fragte mich ob ich wüsste wo Enrico ist. Ich verneinte, zog kurz darauf meine Sachen an und fuhr zu ihr.

Verwirrt, öffnete sie mir die Tür. „Ich kann es mir wirklich nicht erklären.“, fing sie an. „Gestern noch hatten wir miteinander telefoniert und er wollte mich vom Flughafen abholen. Aber als ich heute Nacht ankam, war er nicht da. Ich nahm mir natürlich wutentbrannt ein Taxi, da ich dachte er hätte es vergessen oder wäre auf der Couch eingeschlafen. Doch er war nicht in der Wohnung. Sein Auto steht noch unten und auch seine Sachen sind noch da. Ich weiß nicht wo er hin ist. Wenn er weggegangen ist, dann nur in Strümpfen und das was er anhatte.“ Ich überlegte angestrengt und sofort viel mir das Bild auf, welches immer noch an der Wand stand. Nur diesmal war es zusätzlich mit einem weißen Lagen abgedeckt.

„Ich dachte er wollte das Bild entsorgen, bevor du wiederkommst.“ „Ja, dass wollte er heute machen. Aber was hat das damit zu tun?“ „Mich wundert es nur, da er wegen dem Ding ziemlich aufgewühlt war.“ Ich ging instinktiv zu dem Bild und nahm das Lagen von Diesem. Julia schrie kurz auf und ich starrte auf das Bild als ob ich es zum ersten mal erblicken würde. Es war komplett leer. Die Frau war verschwunden und zu sehen war nur das schwarze Leinen, umrahmt von den altertümlichen Rahmen.

Julia war kreidebleich geworden und auch mir war mulmig zumute.

Veröffentlicht von

Ronny Siegel

Noch habe ich hier nichts über mich geschrieben, weil so vieles schon auf diesem Blog steht. ;) Diese Bücher habe ich gerade gelesen: Die Tribute von Panem (komplett) Das Schloss Das Parfüm Der Schwarm Der Process Die Kanguruh-Chroniken Das Lied von Eis und Feuer Diese Filme habe ich mir angesehen: Diese Serien habe ich gesehen:

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