Konsum und Einzelhandel in der DDR zur Wendezeit 1990

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, als ich einen Link zu einer Bildergalerie zugesandt bekam, in der Aufnahmen vom November 1990 zu sehen waren. Doch diese Bilder riefen ein paar Erinnerungen in mir wach, die ich bereits erfolgreich verdrängt hatte. Nicht dass es sich dabei um schlimme Begebenheiten handeln würde, aber zu diesem Zeitpunkt befand sich gerade, zu mindestens auf unserer Seite die Welt im Wandel. Ich spreche natürlich von der Wendezeit, die für viele Deutsche aufregende und spannende Zeiten waren. Noch einmal an dieser Stelle einen herzliches Dankeschön an Steffen, der mir genehmigte, die Bilder zu verwenden, die ich als wichtig erachte.

Wendezeit 1989/1990, was waren dies für aufregende Tage. In wenigen Monaten sollte das alte Bild komplett auf den Kopf gestellt werden. Was früher richtig war, war auf einmal falsch. Und nahezu jeder in der DDR war auf irgendetwas wütend.  Meine Hassobjekte zu diesem Zeitpunkt waren für mich die Menschenschlangen vor den Einkaufsmöglichkeiten, die es bis zu diesem Zeitpunkt gab, darunter auch der Konsum.

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Lang Menschenschlange vor einem Konsum

Irgendwann zu diesem Zeitpunkt schwor ich mir eins. Ich wollte nie mehr irgendwo anstehen wollen. Warum dem so war? Anstehen gehörte in der DDR zur Tagesordnung. Ich kann mich an lange Schlangen im Vorfeld von allen erdenklichen Feiertagen und Feierlichkeiten erinnern. Da stand man zum Beispiel vor einem Konsum wegen einem Einkaufswagen an, die bereits Mangelware waren. Ohne Einkaufswagen oder Einkaufskorb in ein Geschäft zu gehen war undenkbar. Selbst wenn man nur ein Stück Butter wollte. Hatte man diese Hürde genommen und nach rund ein bis zwei Stunden Wartezeit endlich einen der begehrten Einkaufswagen oder Einkaufskörbe ergattert, musste man schon wieder anstehen. An der Fleischtheke, an der Käsetheke oder meistens um Weihnachten herum an der Obsttheke für die Orangen aus Kuba.

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In dieses Geschäft durften immer nur vier Personen eintreten. Für mehr war kein Platz.

Danach ging es weiter zu den Kassen, vor denen natürlich, wie sollte es auch anders sein, wieder eine Schlange stand. Logisch, denn schließlich konnte man darauf wetten, alle Kassen waren garantiert nicht geöffnet. Damals gab es dafür auch keinen Grund. Mitbewerber besaßen die beiden Lebensmittelketten HO und Konsum nicht. Und die vier Märkte, die es in unserem Wohngebiet für die cirka 35.000 Menschen gab, konnten sich über eine mangelnde Nachfrage nicht beklagen. Ein Amerikaner, der 1990 in unser Wohngebiet zu Besuch kam, erzählte damals, in seinem Land würde es in einem solchen Gebiet mindestens 16 Supermärkte geben. Damals unvorstellbar für mich. Wie sollten diese Läden alle nebeneinander existieren? Soviel konnte man doch gar nicht einkaufen. Die Zeit lehrte mich eines Besseren.

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Keine Seltenheit. Bei Warenannahme wurde das Geschäft vorübergehend geschlossen.
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Der Verkauf von Waren stand nicht im Vordergrund. Diese Ware im Schaufenster gab es erst nach Neudekoration.
Der erste große Crash folgte mit der Maueröffnung im November 1989. Es dauerte nicht lange bis sich die ersten Westprodukte in den Regalen von Konsum und HO befanden. Zu dieser Zeit für die meisten von uns noch unerschwinglich. Schließlich wurden die Waren für teure Westmark eingekauft und für noch mehr Ostmark verscheuert. Ich glaube mich entsinnen zu können, für eine Stange MAOAM hätten wir fünf Ostmark hinlegen müssen und dies bei einem Durchschnittsgehalt von 700 Ostmark. Es können aber auch gut zehn oder fünfzehn gewesen sein. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Dieser Zustand zog sich rund vier Monate hin. Als bekannt wurde, wann die Ostmark durch die Deutsche Mark abgelöst würde, schien sich das Angebot noch einmal zu erhöhen.

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Für die ersten Westprodukte existierte wenig Platz. Deswegen landeten diese auf dem Boden.
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Im Kassenbereich türmten sich die Waren.
Rund drei Tage vor der Währungsumstellung gab es dann noch einmal einen kompletten Rückgang der Waren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass sich auf einmal nur noch Ostwaren in den Regalen befanden. Die Händler setzten zu dem Zeitpunkt auf den Run, der in wenigen Tagen starten würde und ihnen die „harte DM“ in die Kassen spülen sollte. Die Produkte die nach Meinung vieler mit der neuen Währung ihren Wert verlieren würden, wurden dagegen zu Schleuderpreisen verscherbelt. Meistens handelte es sich dabei aber um Waren, die wirklich keiner mehr wollte.

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Sehr skurill wirkte die alte Beschilderung neben der neuen Ware aus dem Westen.
Kaum war die Währungsumstellung vollzogen, wurden die Geschäfte mit allen möglichem Gerassel zugestellt. In jeder freie Ecke, die man finden konnte, befand sich auf einmal ein Warenständer, der die neue Freiheit anbot. Wie skurril dies aus heutiger Sicht wirkte, erkennt man erst auf den Bildern. Da werden in einem alten Konsum, neben einem Kohleofen, Waren aus dem Westen Feil geboten. Ein Jacobshändler versucht seine Produkte an den Mann zu bringen, während sein Plastikverkaufsstand scheinbar in jeder Sekunde zusammenbrechen würde. Neben der altmodisch wirkenden Ausschilderung tummeln sich auf einmal die neuen, in ihrer bunten Verpackung glitzernden, Produkte.

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Ein weiteres Beispiel der Gegensätze. Mit Hilfe von klapprigen Verkaufsständen, wurde die Waren direkt an den Mann gebracht.
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In diesem Geschäft wurde noch auf die altmodische Art geheizt.
Dazu kamen die Freilufttragehallen, die von großen Ketten aufgrund der mangelnden Räumlichkeiten auf den riesigen Freiflächen aufgebaut wurden. In diesen wurden in heute typische Aldi Ost Manie, die Waren palettenweise einfach auf den Boden abgestellt oder gleich aus einem Lagerregal heraus verkauft. Ästhetik war nicht notwendig, da die Konkurrenz zu klein war. Ich weiß wie bei uns um die Ecke, die Kette Marktkauf eine solche Halle aus dem Boden stampfte. Durch eine Warmluftschleuse kam man ins Innere. Wegen einem Einkaufswagen anstehen musste man auch nicht mehr. Außer natürlich zu Weihnachten. Diese Zustände hielten rund fünf Jahre an. In der Zwischenzeit wurden die ersten Einkaufspassagen gebaut, in denen nach und nach weitere Ketten einzogen, dessen Namen wir noch nicht kannten. Alles Neue musste ausprobiert werden. In den Konsum schienen dagegen nur noch die Alten zu gehen. Und der HO war zur dieser Zeit bereits verschwunden und durch die Kette „Spar“ ersetzt wurden. Es waren schon verrückte Zeiten. 😉

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Nach der Einführung der DM erschienen riesige Markthallen auf den vorhandenen Freiflächen.
Weitere Bilder: Flickr Bildergalerie von Lens-Flare, Eingescannt von kraftfuttermischwerk.de

2 Gedanken zu “Konsum und Einzelhandel in der DDR zur Wendezeit 1990

  1. Da fällt mir der Bericht von Dieter Moor wieder ein. Der erzählte von einer “Wandbemalung”, welche die Nach-Konsum-Ära überdauerte: Das stand übern einem Eingang vom Konsum in Brandenburg “Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht”. Eigentlich genial 😉

  2. Ich muss dazu ein Referat machen , aber man findet nichts nützliches. Diese Seite hat mich richtig geholfen. Vielen lieben Dank.
    Ich wohne auch bei Bühlau 😀

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