Der RegioSTAR – Eine Geschichte über Regionalgeld im Berchtesgadener Land

“Würde Raiffeisen heute leben, würde er Regiogeld machen. Und  unser Konzept wäre ihm sicherlich eine gute Kopiervorlage“ sagt Franz Galler in einem seiner zahlreichen Vorträge. Der Mann aus dem Berchtesgadener Land ist sich sicher, daß das Modell einer sozialen Genossenschaft wie seine RegioSTAR eG sie darstellt, die Zukunft aufzeigt. Die Zukunft für Bürger, die nach neuen Wegen des Wirtschaftens suchen, die Zukunft für Regionen, die Hilfe bei ihrer Entwicklung brauchen, die Zukunft für Bürgermeister, denen die Krise des Finanzsystems den finanziellen Saft abdreht.


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Geht es nach Franz Galler, würden überall auf dem Planeten neue Genossenschaften entstehen, die den Weg der RegioSTAR eG gehen: „Ich finde Kapitalismus oder Kommunismus gleich problematisch. Beide werden immer Macht erhalten wollen. Sinn gibt das Ganze für mich nur wenn es klein und überschaubar umgesetzt wird. So wie es eben Raiffeisen auch sah. Mir geht es vor allem um eine neue Art von bürgerschaftlicher  Wertegemeinschaft zum Schutze unserer Region.“  Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Das Genossenschaftsmodell bietet sich dafür an, denn es stellt unternehmerisches Handeln auf demokratische Füße. Und Genosse kommt vom gemeinsamen Genießen.“

Die Geschichte der Genossenschaft beginnt 2002. Damals entstand in Ainring ein Ring zur Nachbarschaftshilfe, in dem die Mitglieder auf Basis des Verrechungssystems ihre Talente miteinander tauschten. Nachdem 2003 das Regionalgeld “Chiemgauer” in der Nachbarregion startete, kopierten die Berchtesgadener das Modell und erweiterten im Jahr darauf ihren Tauschring um den eurogedeckten “Sterntaler”. Dieses Regionalgeld wird inzwischen von über 200 Unternehmen der Region akzeptiert. 70.000 Sterntaler sind in Umlauf. Wie bei allen Regiogeldern stand die Idee im Vordergrund, die Region zu fördern, wobei Franz Galler schon damals nach Wegen suchte, der für ihn absehbaren Finanzkrise etwas entgegensetzen zu können.

„Kann ein System dauerhaft funktionieren, das ständiges Wachstum anstrebt? Die Krise ist doch bereits eingebaut in unserem Finanzsystem! Damit sich das Finanzsystem ändert müsste zuerst einmal der “Wachstumsgott” in Frage gestellt  werden und das kann ich momentan nicht sehen. So verschwende ich wenig Gedanken darauf, ob sich das bestehende Finanzsystem ändern wird, sondern versuche dort anzusetzen, wo ich was tun kann. Und das ist die Region.“

Gegründet wurde die RegioSTAR-Genossenschaft dann tatsächlich im Jahr 2007. Sie hat nicht nur die wirtschaftlichen Aktivitäten rund um das Regiogeld übernommen, sondern zugleich begonnen, andere wirtschaftliche Projekte aufzubauen. Und hier beginnt die Besonderheit der RegioSTAR, denn der Weg, über das Regiogeld hinauszuarbeiten wurde bislang nur von wenigen Regiogeld-Initiativen gegangen. Dabei macht dieser Weg Sinn, wissen wir doch alle, daß man Geld allein nicht essen kann. Franz Galler:

“Leider wird Regiogeld oft aber selbst zum Zweck oder Ziel erhoben und dann noch dazu leider oft von “Geldgegnern”. Ich bin kein “Geldgegner”, ich bin lieber für etwas als gegen etwas. Geld ist für mich nur Werkzeug. Aber ein Geniales und  ich finde es spannend, wenn man verschiedene Regiogelder passend zu den wichtigen Bedürfnissen basteln kann.”

Der Impuls zur Genossenschaftsgründung ging letztlich vom Dorfladen in Mitterfelden aus, der von der Schließung bedroht war. Aus familiären Gründen musste die Vorbesitzerin “Unser Bio & Regio Laden” aufgeben. Doch allein den riesigen Strukturen der Global Player und Discounter wollten die RegionalAkteure das Feld nicht überlassen. So übernahm die RegioSTAR den Dorfladen und betreibt ihn seitdem mit stetig wachsendem Umsatz. Dabei profitiert die Unternehmung und ihre Mitglieder und Kunden doppelt: Die bereits vorher entstandene Gemeinschaft rund um Regiogeld und Tauschring hat mit dem Dorfladen plötzlich eine eigene Einkaufstätte, in der man mit Regiogeld zahlen kann. Und der Dorfladen profitiert, weil das Regiogeld Kunden in den Laden bringt.

Solche Symbiosen will Franz Galler künftig öfter herstellen. 2009 wurde deshalb mit einem Permakulturgarten der nächste Geschäftsbereich der Genossenschaft aufgebaut: Lebensmittel. Die Zielsetzung ist klar: Im Permakulturgarten wächst das, was später im Dorfladen verkauft wird an jene Menschen, die in der Region mit Regiogeld wirtschaften. So entsteht Stück für Stück eine unternehmerische Konstruktion, die sich für die Grundversorgung der Genossenschaftsmitglieder und ihrer Kunden einsetzt. Auch über CarSharing oder eine Photovoltaikanlage wird nachgedacht, denn zur Grundversorgung gehört neben Essen auch Mobilität und Energie. Denkbar ist für Franz Galler und seine Genossen auch, Immobilien ins kleine Reich zu integrieren. Grundsätzlich können sich die Genossenschaftler vorstellen, ihre Geschäftstätigkeiten auf alle Bereiche der Grundversorgung auszudehnen und somit der regionalen Selbstversorgung näherzukommen.

“Wir haben hier ein eigenes regionales Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit komplementären Währungen umgesetzt, das ohne Wachstum funktioniert. Das begeistert mich. Und das schafft im wahrsten Sinn “überschaubares” Handeln, wo ich die handelnden Akteure am besten persönlich kenne. So entsteht Sicherheit durch gelebte Gemeinschaft.”

Gallers Vorbild neben Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Leopold Kohr. Der österreichische Nationalökonom hat eine “Theorie der Größe” aufgestellt. Er sympatisierte mit anarchistischen Bewegungen, propagierte die Aufteilung der Welt in kleine selbstorganisierte Einheiten und wurde dafür oft als Spinner verlacht. Kohrs Antwort: “Das macht mir gar nichts aus, denn ein Spinner dreht ein  Spinnrad. Das ist ein billiges Werkzeug, das wenig Kapital erfordert. Es hat ein bescheidenes Anwendungsgebiet, ist unblutig und macht Revolutionen.”

Kohrs Thesen: Immer, wenn in der Welt Probleme entstehen, ist irgendetwas zu groß geworden. Zu große Staaten, in denen zuviel Macht konzentriert ist, zu große Konzerne, die die kleinen verdrängen, zu große Strukturen, die ein menschenfeindliches Eigenleben entwickeln. “Der Mensch ist klein” sagt er und an dieser Kleinheit müssten sich gesellschaftliche Strukturen orientieren. Wir müssen zurück zum menschlichen Maß finden ist die Quintessenz seines Denkens. Bei Franz Galler klingt das dann so:

“Alles hat seine ideale Größe und sein Schlüsselwort heißt “Überschaubarkeit”. Nur im Kleinen glaube ich an Perfektion. Wenn etwas zu groß wird, dann wird es krank und kann es nur mit Macht zusammengehalten werden. Und Macht wird immer missbraucht – etwas anderes anzunehmen wäre Dummheit. Von daher haben wir in unserem Konzept von Anfang an ein automatisches Zellteilungsprinzip mit eingebaut.”

sterntaler
Die neuen Sterntaler

Ein automatisches Zellteilungsprinzip? Den Machern und Macherinnen der RegioSTAR eG ist klar: Einerseits wollen sie wachsen, denn je mehr Genossenschaftler sich in ihre Genossenschaft einbringen, umso tragfähiger wird die Unternehmung, umso vielfältiger werden die angebotenen Produkte und Leistungen, umso stabiler wird die Welt, die entsteht. Andererseits wissen sie durch die Auseinandersetzung mit den Kohr’schen Ideen: Alles, was zu groß wird, verursacht Probleme. Deshalb verfolgt man das Ziel, Grüppchen in eigene Genossenschaften auszugründen, wenn diese eine eigene, tragfähige Größe erreicht haben. Das Ausgründungsmodell trifft derzeit auf überregionales Interesse. Die Idee könnte sein, daß Gruppen und Grüppchen anderer Regionen Teil der RegioSTAR eG werden und erst bei Erreichen einer kritischen Masse eine eigene Genossenschaft in der eigenen Region ausgründen. Die Hürde der Gründungsbürokratie bremst somit nicht gleich am Anfang, sondern wird erst dann fällig, wenn die Gruppe groß genug ist. So lange nutzen alle die bereits bestehende Infrastruktur der RegioSTAR.

Ein Multiplikationsansatz für ein solidarisches Wirtschaftsmodell, das bereits Teil dieses Wirtschaftsmodells ist. Klingt genial. Dabei imitiert die RegioStar eG einfach natürliche Vorgänge. “Biostrategien” nennen Prof. Dr. Werner Nachtigall und Kurt G. Blüchel solche Herangehensweisen in ihrem “Großen Buch der Bionik”. Die Bionik ist der Versuch, menschliche Technologien nach dem Vorbild der Natur zu gestalten. Flugzeugbauer lernen von Vögeln und Insekten, Architekten von Termiten, Chemiker kopieren die Gifte von Schlangen oder die Baustoffe in Vogelnestern. Franz Galler imitiert die Erdbeerpflanze, die genau wie die RegioSTAR eG auf die Ausbreitung durch Selbstableger setzt. Blastochorie nennen das die Botaniker und im Fall der Erdbeere bedeutet dies, daß die Mutterpflanze an dünnen Armen kleine Triebe entwickelt, die in einigem Abstand von der Mutter Wurzeln schlagen. So lange Mutter- und Tochterpflanze über den Trieb miteinander verbunden sind, hilft die Mutter bei der Ernährung und dem ersten Wachstum, sobald die Tochterpflanze an ihrem neuen Standort verwurzelt ist, versorgt sie sich selbst.

„Selbstversorgung hat für mich mit Sicherheit zu tun. Der Mensch handelt entweder aus Wunsch nach Gewinn oder Angst vor Verlust. Beides kann aber auch blockieren. Z.B. ist grundsätzlich jeder Mensch, den ich bisher gefragt habe, dafür, die Region für nachkommende Generationen zu schützen. Doch wie? Wenn wir mit RegioSTAR als soziale Genossenschaft wirtschaftlicher Träger in den Bereichen der regionalen Grundversorgung sein wollen – wie z.B. mit dem Dorfladen, den  Permakultur-Projekten oder jetzt dann auch mit unserer ersten Photovoltaik-Anlage – dann verstehen das die Leute. Dabei finde ich das Spannende daran, dass es aus Bürgerhand selbst umgesetzt wird. Das überrascht, fasziniert und steckt an mitzumachen. Und genau das brauchen wir in der heutigen Zeit: einen Gegentrend zum “ist eh schon alles zu spät!”

Jede Krise beinhaltet eine Chance, ist ein inzwischen oft wiederholtes Sprichwort. Die Chance in der Finanzkrise (deren letztes Wort noch lange nicht gesprochen ist) steckt darin, daß wir Menschen über unsere Art zu Wirtschaften nachdenken und Neues ausprobieren. Dieses Neue im Kleinen zu beginnen bedeutet nicht, auf das Große keinen Einfluss zu haben. Vielmehr hat die Arbeit vor Ort den Charme, daß man sie tatsächlich tun kann, daß jeder Einzelne die Dinge wirklich in die Hand nehmen kann und nicht darauf warten muss, ob von oben “grünes Licht” kommt. Die Region ist nicht nur die Handlungsebene, die im Einflussbereich von uns allen liegt, sondern möglicherweise zugleich die Zielebene, wo das menschliche Maß auch wirklich berücksichtigt werden kann. Selbst Matthias Horx, Kopf des vielzitierten Zukunftsinstituts sieht in der Regionalisierung und der Entstehung regionaler Wirtschaftskreisläufe einen starken Trend der kommenden Jahre. Steigende Rohstoffpreise (Stichwort: Peak Oil) treiben diese Entwicklung ebenso an wie das Aufholen der Schwellenländer – die einen Export von Arbeitsplätzen teurer machen. Weitblickende Projekte wie die RegioSTAR eG greifen die Tendenz auf und zeigen, wohin die Reise gehen kann. Und: Sie sind multiplikationsfähig.

Franz Galler ist ausgebildeter Bankkaufmann und selbständiger Vermögensberater. Er leitet die RegioSTAR-Genossenschaft als Vorstand. Mehr Informationen: http://www.regiostar.com

Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von Norbert Rost der sich seit 2001 mit Regionalgeld beschäftigt und die Idee des Elbtalers in Dresden und Umgebung forciert. Neben Vorträge betreibt der die Webseiten: Regionalentwicklung.de, Regionales-Wirtschaften.de und PEAK-OIL.com

Der Artikel erschien unter dem Titel “Grüß Gott,  Genosse!” – Die RegioSTAR eG gestaltet das Berchtesgadener Land in der Glocalist und auf der Regiostar-Webseite.

 

2 Gedanken zu “Der RegioSTAR – Eine Geschichte über Regionalgeld im Berchtesgadener Land

  1. Hallo Ronny
    Die Regionalgeldinitiativen finde ich sehr interessant. Diese bieten jedoch keine Lösung für globales Wirtschaften, sondern sind beschränkt auf Lebensmittel, Carsharing, gemeinsame Nutzung von Photovoltaikanlagen und eventuell Immobilien.
    Wer entwickelt und erzeugt aber in solchen weltweiten Regiokreisen: Photovoltaikanlagen, Computer, Handys, Mediageräte, das Internet, Telekommunikationsanlagen, Schiffe, Flugzeuge, Autos, Fossile Energieträger (Öl, Benzin, Gas), Kunststoffe, Computertomografen, Medikamente, Teleskope, Spaceshuttles, Teilchenbeschleuniger, …. ???
    Das sind Konzerne, welche Milliardeninvestitionen in Forschung, Entwicklung und Produktion stecken. Wenn es Microsoft, Google und Co nicht gäbe, könnten wir beide uns nicht so problemlos austauschen, wir wüssten nicht einmal voneinander.

  2. Hallo Skeptiker,

    ich kann ihnen nur zustimmen, wenn Sie behaupten, ohne die Investitionen von Staat und Unternehmen in Forschung, wäre kein Fortschritt möglich. Allerdings sollte man sich doch die Frage stellen, was genau verbirgt sich hinter der Idee des Regionalgeldes? Ist dies letztendlich nicht nur ein Mittel, um den eigenen regionalen Bezug zu stärken und sich mit Hilfe des Geldes daran zu erinnern, man hat auch eine gesellschaftliche Verpflichtung gegenüber seinen Nachbarn?

    Ich denke, Regionalgeld ist vor allem ein moralisches Hilfsmittel. Es kann kein Ersatz für eine länderübergreifende Währung sein, wie es zum Beispiel der Euro ist. Es kann aber dazu beitragen, dass wie als Menschen darüber beginnen nachzudenken, was wir mit unserem Geld anfangen. Wenn das Bewusstsein dafür vorhanden wäre, wäre die Idee des Regionalgeldes nicht notwendig.

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